Die Argumentation für ein Künstler-Grundeinkommen basiert auf der Annahme, dass kreative Prozesse eine „Freiheit von Existenznot“ benötigen, um Qualität hervorzubringen. Kritiker sehen darin jedoch eine Wettbewerbsverzerrung und eine Entkoppelung vom Publikumsinteresse.

1. Die ökonomische Rechtfertigung: Marktversagen in der Kunst

Die Befürworter argumentieren oft mit dem sogenannten Marktversagen.

  • Das Argument: Hochwertige Kunst (wie die von Leonard Cohen oder komplexe Instrumentalmusik) braucht Zeit zum Reifen. Ein Markt, der auf kurzfristige Trends und Algorithmen (TikTok/Spotify) optimiert ist, kann diese Zeit nicht finanzieren.
  • Die Logik: Ohne staatliche Absicherung würde nur noch „schnelle Massenware“ produziert (der „Eskapismus-Dienstleister“), während die kulturelle Vielfalt und die Forschung im Bereich der Musik aussterben. Ein Grundeinkommen wäre hier eine Investition in die kulturelle Infrastruktur eines Landes, ähnlich wie der Bau von Museen oder Opernhäusern.

2. Das Argument der „Kreativen Vorleistung“

Künstler leisten oft jahrelange Vorarbeit (Üben eines Instruments, Studium, Schreiben), ohne dass in dieser Zeit ein marktfähiges Produkt entsteht.

  • Die Rechtfertigung: Ein Grundeinkommen würde den Künstlern erlauben, Risiken einzugehen. Innovation entsteht oft dort, wo nicht sofort der Druck der Monetarisierung herrscht. Viele heute als „Nationalgut“ verehrte Werke wären unter reinem Marktdruck niemals entstanden, weil der Künstler schlicht verhungert wäre.

3. Die Gerechtigkeitsfrage: Warum nur Künstler?

Hier bricht die sachliche Rechtfertigung oft ein. Aus Sicht der „Durchschnittsbevölkerung“ stellt sich die Frage der Privilegierung:

  • Die Konkurrenz: Warum sollte ein Singer-Songwriter ein Grundeinkommen erhalten, ein Startup-Gründer, ein engagierter Handwerker oder eine Pflegekraft aber nicht?
  • Das Berufsrisiko: In einer Marktwirtschaft ist die Berufswahl eine individuelle Entscheidung. Wer sich für einen Beruf mit hohem Risiko und geringer Nachfrage entscheidet, trägt die Konsequenz. Ein spezielles Künstler-BGE würde die Kunst aus dem gesellschaftlichen Leistungsgefüge herausheben und könnte als elitär wahrgenommen werden.

4. Die Gefahr der „Staatskunst“ und Qualitätsverlust

Ein sachliches Gegenargument betrifft die Dynamik der Kunst selbst:

  • Der Filter des Marktes: So hart es klingt, der Markt (das Publikum) fungiert als Qualitätsfilter. Ein garantiertes Einkommen könnte dazu führen, dass Künstler am Publikum „vorbeiproduzieren“. Es entstünde eine Schicht von Kulturschaffenden, die sich nur noch gegenseitig bestätigen, während der Bezug zur Realität der Menschen verloren geht.
  • Abhängigkeit: Wenn der Staat zahlt, besteht die Gefahr, dass nur noch „genehme“ oder „brave“ Kunst gefördert wird. Wahre Rebellion und radikale Innovation entstehen oft gerade aus dem Reibungswiderstand gegen bestehende Verhältnisse.

5. Bestehende Instrumente (Beispiel Deutschland)

In Deutschland gibt es bereits eine „Light-Version“ der sozialen Absicherung: Die Künstlersozialkasse (KSK).

  • Sie ist kein Grundeinkommen, sorgt aber dafür, dass Künstler nur den Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung zahlen müssen (den „Arbeitgeberanteil“ übernehmen der Staat und Unternehmen, die Kunst nutzen). Das ist bereits eine erhebliche Subvention des Berufsstands, die anderen Selbstständigen verwehrt bleibt.

Wie gerechtfertigt ist das?

  • Gesellschaftlich gerechtfertigt, wenn man Kunst als öffentliches Gut wie saubere Luft oder Bildung definiert, das nicht rein marktwirtschaftlich überleben kann.
  • Ökonomisch schwer zu rechtfertigen, da es eine einseitige Subvention einer Branche darstellt und den Anreiz zur Marktorientierung senkt.

Die Forderung spiegelt oft die Verzweiflung über die „TikTok-Spotify-Sackgasse“ wider, die wir besprochen haben. Da viele Musiker spüren, dass sie im aktuellen System keine Chance haben, rufen sie nach dem Staat. Doch die Wahrheit ist: Ein Grundeinkommen würde zwar die Geldsorgen lindern, aber nicht das Problem der Relevanz lösen. Ein Künstler ohne Publikum bleibt auch mit Grundeinkommen ein einsamer Rufer im Wald.