In der kritischen Analyse der zeitgenössischen Unterhaltungsindustrie – insbesondere im Bereich Electronic Dance Music (EDM), Großraum-Diskotheken und Event-Schlagers – stößt man auf ein Geschäftsmodell, das man als „Affekt-Ökonomie“ bezeichnen kann. Hier wird Musik nicht als Kunstobjekt konsumiert, sondern als funktionales Werkzeug eingesetzt, um einen kollektiven Rauschzustand zu induzieren. Die Parallelen zur Mechanik der kommerziellen Intimität sind dabei nicht nur zufällig, sondern systemimmanent.
1. Der DJ als Zeremonienmeister des Triebstaus
Die Dramaturgie eines modernen DJ-Sets folgt oft einer simplen, aber hochwirksamen Spannungskurve: dem „Build-up“ und dem „Drop“.
- Die Mechanik: Durch künstliche Steigerung von Tempo, Lautstärke und Frequenzanteilen wird das Publikum in einen Zustand der physischen Anspannung versetzt.
- Der „Höhepunkt“: Der „Drop“ fungiert als die erlösende Entladung. Wie bei einer bezahlten Dienstleistung wird hier ein physiologisches Versprechen eingelöst. Der DJ agiert nicht als Musiker, sondern als Regisseur eines neuronalen Belohnungssystems. Er bedient die Regler, um die Menge gezielt zum „Peak“ zu treiben – ein Vorgang, der in seiner Vorhersehbarkeit und Kalkulation eine kühle Professionalität aufweist.
2. Die „Bordell-Logik“ der Umgebung: Der Rahmen als Profitmaximierer
Der Rausch ist selten Selbstzweck; er ist der Schmierstoff für den Konsum. Die Umgebung (der Club, das Festivalgelände) ist eine geschlossene Verwertungszone, die darauf ausgelegt ist, die kognitive Kontrolle des Gastes zu minimieren.
- Sensorische Überreizung: Stroboskope, Nebel und extreme Lautstärke schalten das rationale Denken aus. In diesem Zustand sinkt die Hemmschwelle für überteuerte Ausgaben massiv.
- Die Getränke-Strategie: Die „Catering-Dienstleistung“ (Cocktails, Premium-Getränke) ist integraler Bestandteil der Abzocke. Der Gast zahlt das Fünf- bis Zehnfache des Warenwerts für ein Produkt, das seinen Rauschzustand weiter befeuert. Das „Drumherum“ ist die eigentliche Cash-Cow; die Musik ist lediglich der Lockvogel, der den Kunden in die konsumorientierte Trance versetzt.
3. Eskapismus als Ware: Flucht aus der Realität gegen Vorkasse
Warum lässt sich die „Durchschnittsbevölkerung“ auf dieses Arrangement ein? Die Antwort liegt in der Eskapismus-Dienstleistung. Das Publikum kauft sich das Recht, für wenige Stunden die eigene Identität, die Sorgen des Alltags und die soziale Verantwortung abzugeben.
- Die Entmündigung: Im kollektiven Rausch verschmilzt das Individuum mit der Masse. Diese Entindividualisierung wird als befreiend empfunden, ist aber ein Produkt, das teuer bezahlt wird.
- Das Geschäftsmodell: Man verkauft den Menschen den Zugriff auf ihre eigenen Endorphine. Die Industrie liefert nur den Schlüssel (den Beat, das Licht, den Alkohol) und lässt sich diesen Zugang fürstlich entlohnen.
4. Die hässliche Fratze des Funktionalismus
Wenn Musik zur reinen „Rausch-Dienstleistung“ degradiert wird, verliert sie ihre geistige Substanz. Ein Leonard Cohen forderte die Reflexion über den Schmerz; die Eskapismus-Industrie fordert das Vergessen des Schmerzes. Das Erschreckende ist die Kälte hinter der Kulisse: Während das Publikum glaubt, einen Moment der „totalen Freiheit“ zu erleben, überwachen Controller im Hintergrund die Kassenstände und optimieren die „Durchlaufzeiten“ am Tresen. Die Euphorie der Menge ist für den Veranstalter lediglich eine Bestätigung der effizienten Prozesssteuerung.
Der kontrollierte Kontrollverlust
Die Parallele zur „Bordell-Logik“ liegt in der Vortäuschung von Authentizität. Im Club wird „Ekstase“ verkauft, im Bordell „Leidenschaft“. Beides sind hochgradig standardisierte Produkte. Der Gast ist kein Teilnehmer einer kulturellen Handlung, sondern ein Konsument einer physiologischen Reaktion.
Am Ende des Abends bleibt oft ein schaler Beigeschmack: Die Geldbörse ist leer, der Kater groß, und die vermeintliche „Verbundenheit“ mit dem DJ oder der Menge erweist sich als das, was sie war – eine zeitlich begrenzte, kommerzielle Transaktion ohne bleibenden Wert.
